schreibt am 9. Mai 2020 Die schönsten Reiserouten der Plastikente

Drei Container gingen 1992 während eines Sturms über Bord eines Frachters und kippten ins Meer. Das kommt häufiger vor. Sie sind nicht einfach untergegangen oder an der Wasseroberfläche herumgetrieben, bis irgendwann ein anderes Schiff mit ihnen zusammengestoßen ist. Einer davon hat sich geöffnet und dabei fast 30.000 grünen Fröschen, roten Biebern, blauen Schildkröten und gelben Enten die Freiheit geschenkt. Keine echten Tiere natürlich, sondern Plastiktiere.

Die kleinen Tiere wurden weltberühmt. Sie haben sogar einen Wikipedia-Eintrag unter dem Lemma „Friendly Floatees“, ihrem Gruppennamen gewissermaßen. Ihnen wurden Kunstwerke gewidmet, es wurden Kinderbücher über sie geschrieben – und selbst Wissenschaftler waren begeistert! Warum? Diese Plastiktiere haben Datenmaterial geliefert, das für Meereskunde und Klimaforschung wichtig ist.

Die Enten und ihre Kumpels sind in den globalen Meeresströmungen herumgetrieben. Und irgendwann wurden und werden sie immer noch an Land gespült. Wo sie anlanden und wie lange es dauert, bis sie dort anlanden, gibt Hinweise auf die Meeresströmungen und ihre Geschwindigkeiten. Einzelne Enten sind in England aufgetaucht, manche haben es nach Grönland ins Packeis geschafft, ein ausgebleichter Frosch wurde im Jahr 2003 auf den Hebriden gefunden. Gestartet sind die Tiere im Nordpazifik, die Hebriden sind Inseln vor Schottland.

Die Forscher habe Neues gelernt durch ein zufällig entstandenes Experiment. Und nebenbei hat man auch einen weiteren Beleg dafür, dass Plastik in unseren Meeren auch nach fast 30 Jahren nicht einfach verschwindet. Falls man diesen Beleg noch brauchte. Und von den Enten und Biebern und Schildkröten wurden im Laufe der Zeit kleine Plastikpartikel abgespült, und auch dieses Mikroplastik treibt noch durch die Weltmeere. Und es befindet sich in Organismen, die im Meer leben und sich dort ernähren.

In Cornwall wurde eine große Plastikente, „Mother Duck“, aufgestellt und soll dort die Kleinen, die noch angespült werden, willkommen heißen. Und das Meer wäre bestimmt auch froh, wenn es das Plastik wieder los wäre.

schreibt am 14. April 2020 Schimmelflecken auf Schaumgummikissen

Mein Problem ist immer ein bisschen: Ich will andere nicht belehren. Und schon gar nicht meinen Freund Peter, obwohl der in Umweltdingen gern ein bisschen nachlässig ist. Er ist ein großzügiger Benutzer von Weichspüler, trocknet seine Wäsche zeitsparend im Trockner, obwohl ich eine Leine im Garten gezogen habe, und schreckt auch nicht vor Algenentferner auf den Fliesen vor seinem Haus zurück. Aber es ist SEIN Haushalt, ich bin nur zu Besuch. Und ich selbst sündige ja auch: Ich reise gern und fliege daher oft – mehr als er. Welches Recht habe ich also, ihn für seine Umweltfahrlässigkeit zu kritisieren? In einem gemeinsamen Haushalt wäre das leichter, aber als Gast? Als Gast (und Freundin) halte ich mich mit gängelnden Kommentaren zurück, obwohl er meine Haltung zu Weichspülern, Wäschetrocknern und Unkrautvernichtungsmitteln natürlich kennt.

Vor zwei Tagen, an einem der ersten sonnigen Frühlingsnachmittage hier in Dänemark, haben wir die Kissen für die Gartenmöbel aus der Garage geholt. Sie waren mit Schimmelflecken übersät. Das waren sie schon letztes Jahr, aber nach noch einem feuchtkalten Winter war es noch schlimmer geworden. Zu unappetitlich, um Gäste darauf Platz nehmen zu lassen jedenfalls. Also in die Waschmaschine damit, was nicht geholfen hat. Stumm und schweren Herzens habe ich anschließend dabei zugesehen, wie Peter 12 Schaumgummikissen und 12 Bezüge in einen großen Plastiksack gestopft und diesen zu den anderen Dingen gestellt hat, die er bei Gelegenheit mit dem Trailer zum Sperrmüll fährt. Auf so einem Bauernhof fällt viel an. Haufenweise Plastikfolie zum Beispiel, in denen das Winterfutter und das Heu für die Pferde eingewickelt ist.

Viele Stunden später, beim Abendbrot, habe ich mich dann doch überwunden: Was würde er davon halten, wenn ich neue Bezüge für die Schaumgummikissen nähe? Normalerweise verdreht er heimlich die Augen, wenn ich wieder mal etwas nicht wegwerfen kann. Aber diesmal hat er zu meiner Überraschung aufgehorcht. Ist das nicht zu viel Arbeit?, hat er gefragt. Klar ist das Arbeit, die natürlich in keinem Verhältnis zu dem steht, was ein neues Set Sitzkissen bei Ikea oder im Dänischen Bettenhaus kostet. Aber das ist egal, als Autorin von Kinderbüchern ist mein Stundenlohn immer lächerlich. Ich kann es nebenbei vor dem Fernseher machen, wenn Peter einen der Netflixfilme sieht, die mich sowieso nicht sonderlich interessieren. Und eine Rolle schwarzen Baumwollstoff habe ich auf meinem Dachboden liegen, irgendwo mal billig abgestaubt. Ich bin nun mal kein Wegwerfer. Und auf schwarz sieht man vermutlich keine Schimmelflecken? Nun muss ich mich nur noch zusammenreißen und es auch wirklich tun. Bevor er schneller ist und die nackten Schaumgummikissen DOCH plötzlich auf seinen Trailer wirft.

schreibt am 12. April 2020 Mehr Wege für das Wurstglas oder: Einweg ist Käse

Ein Wursthersteller, der seit einer Weile auch Produkte für die Zielgruppe sich vegan ernährender Menschen produziert, hat eine Werbekampagne gestartet, die sich mit weiteren Aspekten der Ressourcenschonung beschäftigt.

In einem Stuhlkreis sitzt ein Experte mit anderen zusammen draußen im Garten und diskutiert das Thema Verpackungen. Ja, die Wurst kommt ausschließlich in verschiedenen Plastikverpackungen. Aber sie haben das auch gut durchdacht und lange diskutiert. Eingangs wird die Frage gestellt: Warum denn nicht die Wurst im Glas verpacken statt in Kunststoff? Es ist immer eine gute Argumentationsstrategie, die kritische Frage selbst zu stellen. Beim Zuschauer entsteht der Eindruck: Wow, die stellen sich die kritischen Fragen selbst. Dann aber weiß der Experte mehr. Und demütig geht man anschließend in sich und muss einsehen: So habe ich das noch gar nicht betrachtet. Die sind mir in ihrer Diskussion voraus.

In diesem Fall ging mir das nicht so. Denn ich denke, dass die Rechnung des Wurstverpackungs-Experten, der mit dem Wursthersteller im Garten sitzt, nicht aufgeht. Er rechnet vor, dass der Energieverbrauch viel höher ist als bei Plastikverpackungen, wenn wir nämlich Glas produzieren, dieses dann als Altglas entsorgen, neu einschmelzen und transportieren lassen – im übrigen wird ja auf jeder Palette mit Produkten Kunststofffolie zum Fixieren der einzelnen Produkte in großen Mengen verwendet. Warum also sollte der Wursthersteller irgendwas besser machen wollen, wenn die anderen es auch nicht tun? Denn genau dieser Blick über die Wurstverpackung hinaus, würde den Wurstverpackungsexperten zu einem Universalexperten machen.

Zurück vom Universellen zur Verpackung: Warum ein leeres Wurstglas wegschmeißen, was man gut gebrauchen kann? Warum nicht aus einem energieaufwändig produzierten Einweg- ein sinnvolles Mehrwegglas machen, möchte ich den kompetenten Herrn Wurstverpackungsexperten fragen. Ein ausgespültes Wurstglas ist der perfekte Ort, um z.B. Gewürze aufzubewahren. Wenn man in einen Unverpackt-Laden geht, hat man eine ganze Tasche voll mit den unterschiedlichsten Gläsern, sie gehören zum Konzept der Unverpackt-Läden. Man kann sie natürlich auch dort kaufen, aber das macht den Einkauf teurer und spart keine Rohstoffe. Je mehr Gläser man sammelt, desto mehr Auswahl hat man, die Waren im Unverpackt-Laden zu dosieren. Und jedes Glas kriegt seine neue Bestimmung: In die Wurstgläser passt gut die Gemüsebrühe. In die Suppengläser passt die perfekte Mengen an Linsen. In die Smoothie-Flaschen passen Spülmittel und Seife.

Denn es ist vermutlich immer zu kurz gegriffen, einseitig um ein Problem zu kreisen und es gegen ein anderes, wenn auch nur zu Marketingzwecken, auszuspielen. Der gleiche Ansatz führt dazu, dass ein großes Museum auf einer Tagung stolz präsentierte, wie sie Plastik vermeiden, nämlich indem sie im Museumscafé das Trinkwasser in kleinen Aluminiumdosen verkaufen – das Material, das in meiner Jugend als der Inbegriff der Umweltsünde galt.

Das Problem sind eben nicht nur bestimmte Materialien. Das Problem ist unsere Gewohnheit, Dinge in Materialien zu verpacken, die direkt nach Kauf und Konsum nicht mehr benutzt werden können. Das Problem ist, dass wir so viel Energie nutzen können, um aufwändige und schöne Verpackungen zu produzieren, die nach dem Transport direkt weggeworfen werden. Das trifft auch auch auf die vielen neuen Einwegbecher, -strohhalme und -verpackungen zu, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden. Wir benutzen all das viel zu kurz.

Ich bin gespannt, ob der Wurstverpackungsexperte in einem der künftigen wurstwissenschaftlichen Team-Meetings auf diesen Aspekt noch eingeht. Denn sonst bleibt es alles ein Kampf gegen Windmühlen …

schreibt am 19. März 2020 Hafermilch unverpackt!

Unser Kühlschrank erschüttert seit jeher die jüngeren Familienmitglieder – mit seiner großen Leere. Doch das ist eine andere Geschichte. Es hat uns ein paar Jahre gekostet, bis wir die komplexbeladene Kuhmilch-Lücke schließen konnten. Jetzt macht mir der Milch-Ersatz einen Strich durch die Rechnung: Wie bekomme ich die Hafermilch, bei der wir einstimmig gelandet sind, ohne Plastik ins Haus?

2015 wurde unser Familienleben von meinen Recherchen zum Thema Fleischkonsum bestimmt. Ein Jahr lang erarbeitete ich das Buch „Iss was?! Tiere, Fleisch & ich“, das ich gemeinsam mit Jugendlichen entwickelte. Im Dezember 2019 habe ich zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung dann begonnen, das nächste Thema in ein grafisch leicht zugängliches Buch zu formen: Plastik. Nun fürchte ich mich vor den Auswirkungen, die all mein neues Wissen wieder haben wird – für mich, in unserer Familie und bei den alltäglichen Entscheidungen, was wer kauft.

Allerdings habe ich diesmal – genaugenommen an dem Tag, als ich zum ersten Mal versuchte, Hafermilch selbst herzustellen und das traurige trübe flockige Resultat präsentierte – beschlossen, das, was der Prozess mit uns macht, zu dokumentieren. Gemeinsam mit meinen Familienmitgliedern, die als Autor*innen unter Mann, Mutter, Tochter, Tante genannt sind, will ich aufschreiben, was passiert, wenn ich mich daran mache, neue Entscheidungen durchzusetzen. Wie ich mit meiner Scham umgehe, wenn ich dennoch Plastik kaufe. Die ganzen Konsequenzen eben.

Mit der Hafermilch bin ich noch keinen Schritt weiter gekommen. Die Glasflaschen, die ich zum Abfüllen meines, nun ja, „Erzeugnisses“ brauche, stehen aber schon bereit für den dritten Versuch. Die erste Version musste ich entsorgen. Ein Verlust von 80 g Haferflocken – so wenig braucht es, um einen Liter Hafermilch herzustellen. Rechnerisch lässt sich wirklich viel Geld sparen, wenn ich die Hafermilch selbst mache. Dasselbe gilt für Mandelmilch (100 g Mandeln kosten unter einem Euro, ein Liter Mandelmilch zwischen zwei und drei Euro).

Dazu kommt, dass ich den Aufwand von einem Tetra Pak vermeide. Ruben Rausing, der Schöpfer von Tetra Pak, sagte 1950: „Eine Verpackung sollte mehr sparen, als sie kostet.” Dieser Karton kostet mich natürlich nichts, nach Gebrauch landet er in der Wertstofftonne – und ich bin davon ausgegangen, dass er recycelt wird. Ein Getränkekarton besteht laut Hersteller (tetrapak.com) innen aus zwei Schichten Polyethylen, Aluminium, einer dritten Schicht Polyethylen, Karton und – weil’s so schön war – einer vierten Schicht Polyethylen. Diese Materialien werden nie wieder getrennt. Also auch nicht recycelt. Sie werden verbrannt oder als Müll exportiert. Jeder Getränkekarton hat noch eine weitere Besonderheit, einen Verschluss aus Polyethylen, der sehr stabil ist. Dieser Bestandteil ließe sich bestimmt leichter trennen und separat recyceln, oder? Nur – mit den Fingern? Robotern? Oder wie bekommt man ihn ab.

Das sind die Gedanken, die ich mir nun jedes Mal mache, wenn ich einige dieser Hafermilchkartons kaufe. Meine Kinder fragen, warum es nicht diese leichten Plastikverpackungen für Hafermilch gibt, wie sie der ökologische Lebensmittelerzeuger Brodowin verwendet. Mein Mann verkündete vor zwei Tagen, dass ein Safthersteller Hafermilch in Glasflaschen angekündigt habe. Beim Untersuchen einer Glasflasche finde ich nur ein klein wenig Plastik im Metallverschluss, als Dichtungsring. Diese Glasflaschen sind oft Mehrwegflaschen und die Deckel werden wohl erneut verwendet, oder?

Bis ich eine akzeptable Hafermilch gefertigt habe, werden noch ein paar Tage vergehen, denn für solche Experimente habe ich nicht ständig Zeit. Und somit landen noch so einige Tetra Paks bei uns in der Wertstofftonne. Und wer weiß, wie viel Zeit noch vergeht, bis alle am Tisch diese Hafermilch auch trinken wollen.

Denn eigentlich wird am liebsten die Barista-Version gemocht – die aber, wie ich herausgefunden habe, aus einem kleinen Schuss Sojamilch besteht. Und wie soll ich die nur kaufen …

schreibt am 5. März 2020 Mein Lieblingsschuh ist kaputt

Die Sohle ist gebrochen. Es ist ein robuster Arbeitsschuh, oder australischer Cowboy Schuh von dem wir alle wussten, dass er zehn Jahre hält. Entrüstet laufe ich zu meiner Schusterin und hoffe, dass sie ihn reparieren kann. Sie kann es nicht. das sind Gusssohlen, und ich solle von Glück sprechen, dass dieser Schuh 5 Jahre gehalten hat, sie halten aktuell nur noch 2 Jahre, da dann die Weichmacher aus dem Plastik entwichen sind und die Sohle spröde und brüchig wird.

Weichmacher, ich werde hellhörig. Das sind doch die besonders giftigen Additive im Plastik, die so gesundheitsschädlich sind und entweichen. Auch wenn das mein Lieblingsschuh war, den kann ich mir nicht nocheinmal kaufen. Meine Tochter ist entrüstet, das der Schuh, der mir am besten steht in ihren Augen, nun auch dem Plastik-Wissen zum Opfer fällt. Ich denke an ein frühes Buch von Michael Braungart, der Cradle-to-Cradle erfunden hat, in dem ich las, dass wir eigentlich die Sohlen, die sich abnutzen aus Leder herstellen müssten und die Oberhälften der Schuhe, die so lange halten und nicht abgenutzt werden , aus Plastik. Da das Plastik so lange hält. Mmh, das ist also auch nicht mehr so, auch wenn der zerbrochene Schuh bis zur Verrottung noch viele Hundert Jahre hat. Und Leder federt nicht so schön, ist nicht so biegsam, all das was eine Schuhsohle so angenehm macht.

Wer nimmt denn nun meinen Schuh zurück oder in welche Mülltonne gehört er?